STRAFKULTUREN AUF DEM KONTINENT

CULTURES PÉNALES CONTINENTALES

Teilprojekt D:

MEDIEN

Hier wird der Beitrag der Medien an der gesellschaftlichen Produktion der Strafkultur in Deutschland und Frankreich untersucht, der insbesondere in der Prägung der öffentlichen Debatte über Strafe, Bestrafung und Kriminalpolitik besteht. Den Medien wird dabei eine Vermittlerfunktion zwischen Allgemeinbevölkerung und dem politischen Feld zugeschrieben, indem sie Politik erklären und kommentieren und zur „commodification of crime“, zur Verbreitung und Habitualisierung der Kriminalität in der Gesellschaft beitragen (Hayward & Young 2014, 128 ff.), aber auch über Stimmungen und Erfahrungen in der Bevölkerung berichten. Gleichzeitig wird mit der Hervorhebung der Boulevardpresse (Lappi-Seppälä 2014) jedoch auch unterstellt, dass zumindest einige Akteure in diesem Feld selbst Kriminalpolitik gestalten bzw. die politische Agenda beeinflussen wollen. Im dem Projekt wird diese ambivalente Rolle in zwei Arbeitspaketen untersucht. Einerseits werden der Umfang und die Richtung der Berichterstattung über kriminalpolitische Themen analysiert. Andererseits geht es um die Akteure der Medienproduktion, also die Journalisten, und den Austausch zwischen dem medialen und dem politischen Feld.

 

 

Arbeitspaket D1: Bedeutung von Kriminalität und Strafe in der Presse

 

Im Arbeitspaket D1 wird der Frage nachgegangen, in welchem Umfang und in welcher Form sich die Medien mit den Themen Kriminalität und Strafe befassen und so zur Produktion der gesellschaftlichen Strafkultur beitragen. Dies soll im Längsschnitt für den Zeitraum von 1971 bis heute für Deutschland und Frankreich vergleichend untersucht werden. Zu diesem Zweck werden für ausgewählte Printmedien eine Häufigkeitsanalyse hinsichtlich bestimmter Begriffe und eine Zeitreihenanalyse durchgeführt. 

Für die Untersuchung in diesem Arbeitspaket kann auf einen Datensatz zurückgegriffen werden, der vom Mitglied der Arbeitsgruppe Nicolas Hubé (2008) aufgebaut worden ist. Hubé hat im Rahmen seiner Doktorarbeit 3.200 Artikeltitel von ersten Seiten der Tagespresse in Deutschland und Frankreich gesammelt (Le Monde, Libération und Le Figaro in Frankreich; Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, Tageszeitung und Die Welt in Deutschland). Erfasst wurden jeweils die Schlagzeilen von drei Monaten aus den Jahren 1971, 1981, 1991 und 2002. Insgesamt wurden so 3.200 Titel und Untertitel von Artikeln kodiert. Dieser Datensatz wird aktualisiert, d.h. es werden für die erfassten Zeitungen Artikelüberschriften aus den Jahre 2011 und 2016 ergänzt. Außerdem wird für Deutschland ab 1991 die Bild hinzugenommen, um den einflussreichsten Titel der deutschen Boulevardpresse mit den übrigen Zeitungen vergleichen zu können. Als französischer Titel, der sich der Boulevardpresse annähert, wird für diesen Zeitraum Aujourd’hui-en-France aufgenommen.

Der dann bestehende Datensatz wird in einem ersten Schritt einer Häufigkeitsanalyse der im Feld Kriminalität und Kriminalpolitik relevanten Begriffe unterzogen, z. B. „Kriminalität“, „Strafe“, „Polizei“, „Justiz“. Auf diesem Weg soll untersucht werden, welche Rolle die Themen bei der Berichterstattung in den jeweiligen Zeitungen spielen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Zeitungen werden im Hinblick auf die Polarisierung zwischen den Zeitungen eines Landes und auf die Gegensätze zwischen den beiden Ländern analysiert. In einem zweiten Schritt wird eine vergleichende Zeitreihenanalyse von 1971 bis 2016 vorgenommen, um die Bedeutung der Themen in beiden Ländern im Zeitverlauf zu ermitteln.

 

 

Arbeitspaket D2: Strafe und Kriminalpolitik aus Sicht des Journalismus

 

In diesem Arbeitspaket wird parallel zum Arbeitspaket C2 die Perspektive von JournalistInnen auf Strafkulturen und ihre gesellschaftliche Produktion untersucht. Zu diesem Zweck werden – ebenso wie bei den PolitikerInnen – in beiden Ländern jeweils 20 FachjournalistInnen aus den Innenressorts in qualitativen, leitfadengestützten Interviews befragt.

Inhaltlich soll es auch hier erstens um Einstellungen zum Strafrecht und zu dessen Bedeutung, das Verständnis von Strafe und die Bewertung der gegenwärtigen Kriminalpolitik gehen. Zweitens soll gefragt werden, welche Rolle das Themenfeld für journalistische Karrieren spielt. Drittens schließlich geht es um die Rolle von Kriminalität, Strafe und Kriminalpolitik im journalistischen Feld, wie diese Themen also wahrgenommen und behandelt werden, welcher Stellenwert ihnen zukommt und nach welchen Kriterien die Darstellung in dem jeweiligen Medium erfolgt. Eine besondere Rolle kommt dabei der Frage zu, wie das Verhältnis zur Politik einerseits und zu Bevölkerung andererseits ausgestaltet ist.

Für die Interviews soll eine möglichst differenzierte Gruppe von insgesamt 40 JournalistInnen rekrutiert werden, die also aus unterschiedlichen Mediensparten (Print, TV), unterschiedlichen politischen Ausrichtungen der Medien und unterschiedlichen Altersstufen stammen, da das in diesem Arbeitspaket interessierende Wissen mutmaßlich von der beruflichen Sozialisation und den bisherigen Erfahrungen im Feld abhängig ist. Besonderer Wert wird auch darauf gelegt, dass in ausreichendem Maße JournalistInnen aus dem Bereich der Boulevardpresse vertreten sind, dem allgemein ein besonders starker Einfluss auf die Gestaltung der nationalen kriminalpolitischen Agenda zugeschrieben wird.