STRAFKULTUREN AUF DEM KONTINENT

CULTURES PÉNALES CONTINENTALES

Teilprojekt B:

BEVÖLKERUNG

Die kriminalpolitischen Bedürfnisse der Allgemeinheit werden in der Debatte um Strafrechtsänderungen häufig herangezogen, um Reformen und Neuregelungen zu begründen. Die Bevölkerung gilt in kriminalpolitischen Prozessen als Nachfrageseite, die bestimmte kriminalpolitische Angebote begehrt. Gemessen daran ist vergleichsweise wenig über kriminalpolitische Auffassungen, entsprechende Prozesse der Meinungsbildung und Punitivitätsvorstellungen der Bevölkerung bekannt. Vor diesem Hintergrund soll dieses Teilprojekt diesen Fragen für Deutschland und Frankreich nachgehen, um so die Rolle der Bevölkerung für die gesellschaftliche Produktion von Strafkulturen zu erhellen. Dabei geht es in einem ersten, quantitativen Arbeitspaket um die Messung von Einstellungen zu Strafe und Punitivität in der Bevölkerung. Das zweite Arbeitspaket untersucht im Anschluss daran die Vorstellungen und das Wissen der Bevölkerung über das Strafen mittels einer qualitativen Methodik.

 

Arbeitspaket B1: Die Punitivität in der Bevölkerung (eigenständige Vorstudie)

 

Die Projektleitenden untersuchen in dem eigenständigen Projekt „Punitivités comparées“ seit Februar 2016 bis Juni 2017 Punitivitätseinstellungen der Bevölkerung und von Richtern mittels einer quantitativen Befragung. Anhand von Fragebögen mit Fragen zu soziodemographischen Merkmalen und kurzen Kriminalfällen in Form von Vignetten werden das Strafbedürfnis bzw. die Straflust in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland und Frankreich sowie in der Richterschaft beider Länder gemessen und verglichen. Die Befragung der Allgemeinbevölkerung in Deutschland und Frankreich wird durch das französische Meinungsforschungsinstitut IPSOS unternommen, die Richterbefragung durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Projekts. Das Projekt wird von der Mission de Recherche Droit & Justice und dem französischen Justizministerium finanziert. Der ohne Einschränkungen genehmigte Antrag ist als Anlage beigefügt. Die Ergebnisse der Bevölkerungsumfrage aus dem Projekt werden für das hiesige Forschungsvorhaben aufbereitet und nutzbar gemacht.

 

Arbeitspaket B2: Rolle und Bedeutung der Strafe aus Sicht der Bevölkerung

 

Nachdem im vorangegangenen Arbeitspaket die Einstellungen der Bevölkerung quantitativ gemessen wurden, sollen in diesem zweiten Arbeitspaket die dabei gewonnenen Erkenntnisse mittels einer qualitativen Herangehensweise vertieft werden. Die in der Kriminologie neuartige Methode des Kartenspiel-Experiments soll zeigen, welche grundlegenden, weitergehenden Vorstellungen die Allgemeinheit von der Rolle und Bedeutung des Strafens in der Gesellschaft hat. Dies wird umgesetzt, indem der Prozess der Klassifikation von Fällen bei der Strafzumessung und die diesem zu Grunde liegenden Logiken wissenssoziologisch beobachtet werden. Im Zentrum des Arbeitspakets stehen damit nicht die Produkte des Klassifikationsprozesses, sondern der Prozess der Klassifizierung selbst. 

Der Versuchsaufbau besteht aus einem Kartenspiel und mehreren Körben. Das Spiel wird 30 Karten umfassen, auf denen Fallvignetten zu verschiedenen Straftatbeständen dargestellt sind. Dies beinhaltet eine kurze Fallbeschreibung sowie weitere Kriterien, die möglicherweise für die Strafzumessung relevant sein können. Eine solche Karte könnte wie folgt aussehen:

 

Karte 1.

Der Angeklagte hat nach einem Diskobesuch einen anderen, ihm unbekannten männlichen Gast auf dem Parkplatz vor der Disko ohne Grund zunächst angepöbelt und ihm dann zwei Faustschläge ins Gesicht versetzt. Der Geschädigte erlitt einen Kieferbruch, der operiert werden musste, und war deshalb zwei Wochen arbeitsunfähig.

Der Angeklagte bestreitet die Tat und gibt an, die Disko erst später verlassen zu haben. Er wird aber durch zwei Zeugen identifiziert. Diese schildern außerdem, dass der Angeklagte nur leicht alkoholisiert war.

Der Angeklagte ist 23 Jahre alt, ledig, kinderlos. Er ist Kraftfahrer, und sein monatlicher Nettoverdienst ist ca. 1000€. Er hat ca. 6500€ Schulden aus der Anschaffung eines PKWs.

Kein Eintrag ins Bundeszentralregister.

 

Karte 2.

Wie Fall 1, aber:

Der Angeklagte gesteht.

 

Für das Kartenspiel werden zum einen die Fallvignetten aus dem Punitivitätsprojekt (B1) verwendet, die 15 Fälle und Abwandlungen zu leichterer und mittlerer Kriminalität beinhalten. Zum anderen wurden weitere Vignetten mit 15 Fällen zu schwereren Straftaten entwickelt. Die zum Versuchsaufbau gehörenden Körbe stehen für die verschiedenen Sanktionen, die für die auf den Karten dargestellten Fälle in Betracht kommen. Die Auswahl der Sanktionen orientiert sich an den gängigen rechtlichen Reaktionen, die sowohl in Deutschland als auch in Frankreich im Sanktionensystem vorgesehen sind, auch wenn sie dort nicht immer die gleiche Rolle spielen bzw. auf einer anderen Ebene angesiedelt sind. Gleichzeitig wird die Auswahl die Sanktionen abdecken, die auch in anderen Befragungen gängig sind.

Das Spiel dauert mindestens 30 Minuten und besteht aus einer Interaktion zwischen dem Probanden/der Probandin und der Spielleitung. Die ProbandInnen werden gebeten, die Fallkarten nach Angemessenheit in die Sanktionskörbe einzuordnen. Die Spielleitung soll die Verteilung der Karten im weiteren Verlauf so wenig wie möglich beeinflussen, die ProbandInnen jedoch ermuntern, parallel zur Handlung ihre Denk- und Wahrnehmungsweisen während des Klassifikationsprozesses zu verbalisieren. Auf diesem Weg soll ein möglichst detaillierter Einblick in die Vorstellungen der ProbandInnen, die Vorgehens- und Klassifikationslogik und die konkreten Begründungsmuster für die Entscheidungen gewonnen werden. Neben den verbalen Äußerungen sollen auch Mimik, Gestik und andere nonverbale Kommunikationsformen per Video dokumentiert werden.

Bei der Probandenauswahl steht wegen der qualitativen und offenen Untersuchung die Herstellung von Repräsentativität nicht im Vordergrund. Es soll in der Gruppe der ProbandInnen jedoch eine gewisse soziale Vielfalt nach den Kriterien Geschlecht, Alter und Beruf hergestellt werden.